Wasted 2005 Morecambe / UK
Ja, nun geschah es, daß der chronisch an Geldmangel leidende Frontberichterstatter, also meine Wenigkeit, beschloß, eben aus diesem Leiden heraus, dem von ihm überaus geliebten England und dem damit in Verbindung stehenden Wasted -Festival traurigen Herzens fern bleiben zu müssen. Dieses Vorhaben hielt ungefähr zwei Wochen und so ließ er sich ohne großen Widerstand und durch eine „Fahre jetzt und bezahle später“-Strategie in die Schuldenfalle locken.
Die überaus gut ausgewählte Truppe bestand aus mehren mehr oder weniger bereisten Kerlen und einer bandmäßig gut ausgebildeten Quotenfrau, ach ja und natürlich 3 Sachsen. So trafen sie sich also gegen 12 Uhr am Provinzflughafen Berlin-Schönefeld, der mit seinem Ambiente und seiner wechselgeldlosen Shopverkäuferin ein weltmännisches Flair versprühte, das seines gleichen sucht, und hunderte Male finden wird. Der Flug gestaltete sich sehr unterhaltsam, da die Sachsen, der Anzahl drei, aus der wahrscheinlichen Annahme heraus, das Luftgefährt würde abstürzen, 3 Flaschen Goldie aussoffen! Und ohne ironischen Unterton muß man hier wohl neidlos anerkennen, dass dies eine respektable Leistung ist. Jeder der in solcher Höhe schon mal gesoffen hat, weiß, wovon man hier spricht.
So erreichten unsere Helden den John Lennon Airport in Liverpool und die ReiseFÜHRER (ich hoffe, es bleibt PC, selbst wenn man FÜHRER groß schreibt) organisierten sofort unsere Personenkraftwagen. Dermaßen motorisiert hätte es nicht mehr lange gedauert bis zum Ort des Geschehens, jedoch mussten sie das von irgendjemandem aufgelesene Weibchen aus Potsdam noch in Lancaster abliefern, was ihnen circa 2 Stunden Stau einbrachte. Derweil schrie das Sachsenvolk, das auszunüchtern drohte, nach Alkoholika.
Irgendwann, nachdem sie in ihren Trailer eingezogen waren, Snakebite gemixt, DISORDER und Bingo mit Max Splodge verpasst hatten, zogen sie sich SPLODGENESSABOUNDS rein, die wirklich, durch den grauen Schleier des Erzählers, total zugedrogt aussahen. Jedoch lieferten sie eine abgefahren kranke Show, die einen Querschnitt durch das gesamte Mongo-Konzept zog. Leider verpasste euer Erzähler auch EASTFIELD, die er für eine verdammt geile Band hält. So endete bzw. begann der Tag in einem harten deutsch-englisch-Mix beim Komasaufen im Wohnwagen.
Und, oh ihr werdet es nicht glauben, der neue Tag brach mit brutaler Gestalt um 10 Uhr an, da alle der Einheit auf unsensible Weise von Ronald geweckt wurden. Von nun an hieß es Rum-Cola saufen, um das erste „English Breakfast“ zu überstehen. Die, die von sich behaupten konnten, diese Hürde erfolgreich hinter sich gelassen zu haben, hatten eine dermaßen solide Fettgrundlage im Magen, dass alles getrunken werden konnte, was der englische Markt so hergab. Cider, Whitecider, Bier, Snakebite, Rum/Gingerale, Vodka, Tequila um nur einige zu nennen (hier will sich der Erzähler durch besondere Trinkfestigkeit hervortun).
So gestärkt, ging’s also an den ersten richtigen Konzerttag, und prompt spaltete sich die so eingeschworene Gemeinschaft in Trinker und Konzert-Trinker. Vorteilhaft für diesen Bericht ist es natürlich, dass der Schreiberling zu letzteren gehörte, da sich dies sonst wohl ziemlich monoton auf unsere Erzählung auswirken würde. Genug des Geschwafels!
Den Anfang des Tages sollten gegen 5 Uhr FUNERAL DRESS im Dome machen. Gewohnt routiniert spielten diese ihr Set runter, ohne große Höhepunkte oder gar Euphorie. Des Schreibers bescheidener Meinung nach einfach keine Band für große Bühnen. Zumal der Dome auch nur ¼ gefüllt war und daher eh keine Stimmung aufkam.
Weiter ging’s zu TEXAS TERRI BOMB, auf die der Berichterstatter schon lange gewartet hatte. Das letzte Mal, als selbige im WildAtHeart auftraten, war er leider verhindert und so durfte der Auftritt selbstredend nicht verpasst werden. Voll bekleidet enterte sie und natürlich die Band, die Stage (yeah, baby, yeah) und es folgten 40 Minuten astreiner versauter Punkrock. Madame „Lasziv“ zog sich mit jedem Song mehr aus und goss sich irgendwann nen Liter Wasser über den schwitzenden Körper. Anschließend kletterte sie über den Securitate-Zaun ins Publikum. Niemand jedoch wagte es nur, in Erwägung es wäre doch nicht so gemeint, ihr den BH zu öffnen, obwohl das augenscheinlich wohl so gemeint war. Schade eigentlich. Allerdings muß man retrospektive zugestehen, Gott sei dank, da bei späteren Betrachtungen der hübschen jungen Dame festgestellt werden musste, das es sich bei ihr um alles andere als eben um eine solche handelt. Das bleibt eben nicht aus, nach etlichen Jahren Punkrock (stimmt’s Mädels?).
Folgen sollten die Birmingham(m)er DRONGO’S FOR EUROPE, die neulich in’ner KVU schon einen genialen Auftritt hinlegten. Da man sich nun doch schon besser kannte, wurde dem Verfasser zugetragen, dass es nur ein Zufall war, dass sie die Chance hatten vor 3000 Leuten auf der Hauptbühne (Marketarena) zu spielen. Auf die Band, die geplanter Weise auf diesem Platz spielen sollte, wurde in Amiland während eines Auftrittes geschossen und daher kurzfristig abgesagt. Von dem, vorher berichteten Lampenfieber, war allerdings nichts zuspüren und so ballerte man sich durch sein Set und erntete ordentlich Applaus. Jedem der die Möglichkeit hat, die Drongos mal zu sehen, sollte diese auch nutzen und anschließend nicht bereuen!
Des Weiteren spielten an diesem Abend noch BLOOD OR WHISKEY, GBH, ANTI NOWHERE LEAGUE, UK SUBS, EXPLOITED und THE CRACK. All zu oft gesehen beschloss euer Erzähler geistesabwesend lieber durch den Regen zu schlurfen und irgendwo in’s Alkoholkoma zu fallen. Schließlich war es schon um 9 Uhr. Auf diese altbekannte Weise verpasste er nicht nur Cock Sparrer seiner Zeit sondern dieses Jahr auch SHAM69, die er noch nie sah. (Dirk, wie wäre es mit ein paar Zeilen ???) Der Gig soll auf jeden Fall absolut spitze gewesen sein, egal…
Sonnabend, die Sonne scheint nicht, denn es regnet mal wieder. Ungestört dessen ist das Programm heute straff organisiert. Um halb eins sahen sich die Konzert-Trinker (das erste Snakebite wurde sich reingequält) LOS FASTIDIOS an, da man diese ja höchsten erst 10 Mal zelebriert hatte. Letztes mal vor ungefähr 2 Wochen. Die italienischen Antifa-Tierrechts-Hooligans spielten vor den 20 Anwesenden mit einem Enthusiasmus als währen es 20 Tausend. Der Blick fest Richtung Zukunft gerichtet, feste Stimme und immer irgendeine politische Kampfesparole ins Publikum schmetternd, gingen sie damit unseren Frühaufstehern schon etwas auf den Sack (bzw. auf den imaginären, oder Kirstin?). Die folgenden STAGE BOTTLES taten dies schon etwas dezenter, oder wirkte der Alkohol schon? Wer weiß. Auf jeden Fall legten sie einen sehr guten Auftritt hin, der vielleicht auch zu ihren Highlights dieses Jahr zählen dürfte. Der Sänger scheint auch ruhiger geworden zu sein, jedenfalls rennt er nicht mehr so über die Bühne als würde er Kilometergeld bekommen. Nach einer ¾ Stunde gab’s noch mal nen kurzen Politexkurs und ich wundere mich immer noch, wie denn bitte Punks, Skins und Hooligans zusammenpassen. Waren Hooligans nicht gewaltgeile Schläger, denen das Geräusch der brechenden Nase ihres Gegenübers mehr gibt, als ihren Schwanz in die leicht geöffnete Vagina eines schönen Mädchens zu schieben? Naja vielleicht Altersverwirrtheit. (Also: Scheiß Hooligans ;-))
Das näxte was man zu sehen bekam, ist eine der Lieblingsbands des Tippers, CRIMINAL CLASS. Berühmt und berüchtigt als die langsamste Streetpunkband der Welt, jedenfalls bei uns, hatten die alten Herren ein flottes Tempo drauf. Ob die Geschwindigkeit nun durch den Wurf einer Münze vorm Auftritt bestimmt wird oder diesmal das Speed einfach besser war, sei dahin gestellt. Das schöne war, sie spielten im Carleton, dem kleinsten und gemütlichsten Schuppen und so wurde es ein kuscheliges Pogokonzi der angenehmeren Art. Zu ANTIDOTE brauch man wohl nichts sagen, außer das alle etwas durchgezecht waren. Pogopunk ohne Pausen und schwups war man schon wieder bei OPPRESSED. Beim Punk&Disorderly, dem schlechten Abklatsch vom HITS, hatte man sie ja nicht gesehen, um sich mit Sachsen zu betrinken. Mmmhhh…, klangen wie die CD. Standen vor ihren Mikrofonen und, na ja, das war’s dann auch schon. Schön mal gesehen zu haben. Gibt’s also wirklich.
Es nahten die ANGELIC UPSTARTS und spielten den besten Gig, den unsere Freunde je von ihnen gesehen hatten. Wie alt ist dieser Mann? Und wieso merkt man das nicht? Hit an Hit und Party pur. Das schöne an England ist auch, das wirklich alle mitsingen können und dadurch eine Atmosphäre schaffen, die es hier in Deutschland nie geben wird.
Bei den UNDERTONES wurde sich dann das eine wichtige Lied angehört und anschließend vor dem „schwulen Poppergehabe“ des neuen Sängers geflüchtet. Nachdem die STRANGLERS den Blumentopf für die schlechteste Mucke (so wurde berichtet) gewannen, ging man nichts erwartend ins Carleton zu LAST RESORT und wurde eines Besseren belehrt! Holzauge rockte wie Sau und schien auch sonst circa 20 Jahre jünger geworden zu sein. Hammerhartes Glatzenpogo, dem man sich nicht entziehen konnte. Zugabe um Zugabe wurde erkämpft und alle waren glücklich (Pause, um den letzen Satz nachwirken zu lassen). Das allnächtliche Saufgelage im Trailer wird verschwiegen, und schon war es ...
Sontag! Unsere Reisegruppe sah wirklich schlecht aus! Viele der armen, von sich selbst geschändeten Mitstreiter schworen für den letzten Tag dem Alkohol ab und begangen damit einen Fehler den man zuletzt von solch erfahrenen Festival-Gängern erwartet hätte. Damit war die Stimmung derer die "abloosten" schwer angeschlagen, jedoch nicht die der Steher. So standen sie dann auch um 12.15 (!!!) vor den BLEACH BOYS. Sehr gelobt von allen und mit Pflichtausrufezeichen in der Running order gekennzeichnet, wußten sie mit Bravur zu enttäuschen. Sei es die Uhrzeit gewesen oder die nach einem schlechten Jello Biafra klingende Stimme zu dieser Uhrzeit in Addition mit Augenkrebs erzeugenden Hawaii Hemden, es hielten nicht viele vor der Bühne aus. Ganz anders sah es da schon bei der nachfolgenden Rhythmusgruppe namens STOCKYARD STOICS aus, die mit einer Power das total verschlafene Auditorium vom ersten Song an zum Tanzen zwang. Niemals gehört, brannten sich die Melodien in die Beine und die Band hatte sichtlich Spaß die arme Masse fertig zu machen. Leider handelt es sich auch hier um eine Liveband, die auf Platte nicht wirklich zu überzeugen wissen.
Die vom Wachmacher angepriesenen STIFFS wurden nach zwei Minuten wieder mit Abwesenheit gestraft, da dieses langhaarige (oder täuscht mich meine verblasste Erinnerung?) Gejaule nicht lange ertragen werden konnte. Der Burner sollte jedoch folgen:
GOLDBALDE! "Fighting in the dancehall, fucking in the streets" - Hammer. Niemals, oh ihr Leser, sah euer Erzähler einen Sänger der mehr auf Koks war, als der, der eben erwähnter Kapelle. Aber nicht im Watti-Style, oh nein. Dieser hier sprang von der Bühne auf die Sicherheitszäune und zurück, knutschte alle (!) Frauen ab, die in der 1-3 Reihe standen und schüttelte sämtlichen Kerlen die Hände. Dabei machten die 5 Leute, mit nebenbei bemerkt 2 Schlagwerken, einen dermaßen geilen Sound, daß sie tatsächlich um halb drei Uhr nachmittags (für die Leser aus dem westlichen Teil der Republik 2:30 Uhr) die Mainstage rockten. Wirklich abgefahrener Scheiß!
Und schon waren wir einige Getränke später bei RESISTANCE 77. Chris und Steve sind ja bekennende Fans (was wohl kaum jemanden interessieren dürfte, der die beiden nicht kennt). Von den meisten abgefeiert konnten sie die Tipse nicht ganz überzeugen. Zu schwer steckten die Vorbands wohl noch im oh so gebeutelten Gehörgang. So sollte man auch als geneigter Konsument dieses geschrieben Erlebnisses nicht vergessen, daß man an dieser Stelle des Geschehens schon ungefähr 60-70 Stunden Punkrock hinter sich hatte, das, geschwängert mit hirnzersetzenden Stoffen, sprich Alkohol um nur einen zu nennen, doch eine Kombination ist, die das Aufnehmen von Informationen doch erheblich erschwert. GUITAR GANGSTERS spielten sich sehr smart durch ihre Songs ohne weitere erwähnenswerte Vorkommnisse. Der Rest bestand aus PETER & THE TEST TUBE BABIES, wobei der kleine Dicke diesmal mit einem feschen Irokesenschnitt zu begeistern wusste, AVANGERS, die für 3-4 Songs echt eine schöne Show lieferten, jedoch danach mächtig anfingen zu nerven (Informationsaufnahme, siehe oben) und dann kamen sie...
TURBONEGRO! Erstmal begab sich die Band im schönen Gay-Outfit auf die Bühne und spielten die Einlaufmusik (und Einlauf passt ja in diesem Zusammenhang erschreckend gut) für ihren Sänger. Dieser war von oben bis unten in Lederriemen und Felle gekleidet und Riss erstmal profilaktisch ein paar schön versaute Witze. So zog sich das durchs ganze Programm, daß nur aus Krachern bestand. "There are some differences between England and Norway! You've got class war, we've got ass war" um nur einen beiläufig zu erwähnen. Es machte den Norwegern sichtlich Spaß mal nicht vor einem Mainstream Publikum zu spielen und bei "Erection" gab's auch für den Letzten kein zurück mehr! Rüber zu ONEWAY SYSTEM, noch ein zwei VARUKERS Songs mitgenommen und schon ging's zum obligatorischen BUSINESS Konzi. Der Dome war knüppeldicke voll und alles, wirklich alles tanzte. Ist in England echt was anderes. Eine Zugabe gab es nicht, da der Veranstalter eine strenge Endzeit festgelegt hatte. Kurz droht die Stimmung umzuschlagen und unsere Helden hofften, das dies auch passiert. Jedoch oh Wunder (wenn auch kein gutes) verließen die trägen Massen die Halle. Man sollte denken, ein Festival, das einem maroden Urlaubsort in einem Wochenende 1 Millionen Pfund Umsatz beschert, könnte auch mal 20 Minuten überziehen. So blieb ein etwas fades Gefühl zurück, jedoch nur bis zum alljährlichen Gruppenfoto-Schießen. Und das wars...
Unerwähnt bleibt, das wunderschöne Mädchen, in welches sich der Erzähler unsterblich verliebt hat, und von dem er keinen Namen und keine Telefonnummer haben wollte, aus purer Angst, sich schon wieder in eine Fernbeziehung zu verrennen. Heute allerdings bereut er dies und hofft, sie nächstes Jahr wieder zu sehen. Dann wird alles besser, toller und noch viel unübertrefflicher, als es dieses Jahr schon war.
Wir kommen wieder....
Tommy
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